Bis zum Ende und noch weiter

Dieser Bericht ist aus einem alten Zeitungsteil rekonstruiert, wahrscheinlich „Der Heimkehrer“, Februar bis Mai 1953

In diesen Tagen vor acht Jahren legten Millionen deutscher Soldaten die Waffen aus der Hand. Acht Jahre und welch ein Wandel! Wären seit jenen Tagen 25 oder 50 Jahre vergangen, könnte man vielleicht eine historisch fundierte Übersicht jenes Geschehens erwarten. Heute ist das aus drei Gründen nicht möglich: Deutschland hat keinen echten Frieden und der Krieg ist nicht zu Ende, solange im Westen Hunderte und im Osten Zehntausende ehemalige Soldaten noch in der Kriegsgefangenschaft sind, die einmal neben uns standen. Ausserdem fehlt der Abstand von jener Zeit und es fehlen die Unterlagen, die eine historisch unanfechtbare Übersicht gestatten würden.

Dennoch kann und darf die Kriegsgeneration an der Erinnerung an diese Tage nicht blind vorübergehen. Das Ende des Krieges war nicht nur politisches Schicksal, es war für Millionen auch ein persönliches Schicksal, dessen Schatten keineswegs in der Vergangenheit verblichen sind, sondern in die Gegenwart hineindunkeln. In eine Gegenwart, in der die ersten deutschen Soldaten noch acht Jahren die Waffen wieder in die Hand nehmen sollen.

Was also wäre der Stunden gemäss an deren Erinnerung wir nicht vorübergehen können und wollen? Wenn schon der Mensch das Mass aller Dinge ist, dann muss es wohl die Erinnerung an das Schicksal des Menschen sein, der die Entwicklung zum Zusammenbruch erlebte. So steht denn hier der Bericht eines Mannes aus dem Heer der Millionen. Ein Stück Geschichte, echter und lebendiger als sie je ein Historiker zu schreiben vermag.
Weiss Gott, es war ein harter Winter damals. Und vielleicht war alles schon entschieden. Vielleicht ... Wir jedenfalls wussten es nicht. Wir glaubten.
Es war 42, wir lagen am Terek, irgendwo zwischen Mosdok und Grosnyi, in einem Wald, und Weihnachten kam immer näher. Seit Wochen verfolgten wir das Schicksal der in Stalingrad eingeschlossenen 6. Armee, der erfolglosen Entsatzversuche, den verzweifelten Endkampf. Dann feierten wir in unseren Gräbern und Bunkern Weihnachten und am zweiten Weihnachtstag setzten wir uns ab.
Aber eigentlich war es keine Absetzbewegung, auch wenn man es in den Berichten so nannte. Es war auch kein Rückzug, es war einfach Flucht.
Nacht für Nacht rannten wir dreissig, vierzig, fünfzig Kilometer zurück, Nacht für Nacht, durch heulende Schneestürme, über vereiste Strassen, durch verlassene Dörfer, und Tag um Tag lachten wir, in Schneekuhlen, um armselige Hütten, an Bahndämmen, um Rückzugsstrassen. Die Russen schienen überall zu sein, sie tauchten vor uns auf, in unserem Rücken, aus der Flanke, und immer kamen sie in Massen.
Wir waren Jagdkommando so nannte man damals die Nachhuten und wir wurden erbarmungslos gejagt.
Die Tage und Nächte Mitte Januar waren die härtesten. Zu dieser Zeit standen wir irgendwo bei Armavir. Der Sturm schnitt durch bis ins Mark, die Erde schien zu tanzen, so dicht waren die wehenden, wirbelnden, weissen Schleier, und nachts mussten wir uns bei den klammen Händen fassen oder aneinander binden, denn die peitschenden Eishagel machten uns blind und erstickten jeden Laut.
Die erste feste Stellung bezogen wir am 2. Februar 1943 vor Korenowskaja, einem tristen Dorf in der Kubanebene, und als wir da ankamen, zählte die Kompanie noch einige zwanzig Mann. Am Terek waren wir noch neunzig Mann im Graben, und niemand konnte sagen, wo alle geblieben waren. Von manchem wussten wir, dass er gefallen war, andere waren verwundet zurückgeblieben, aber viele waren verschwunden. Auf Spähtrupps, auf verlorenen Posten, in den öden Nächten, auf den endlosen Märschen, in den heulenden Stürmen.
Hier nun in Korenowskaja kamen die vom Jahrgang 24 zu uns, welche sie die Jugend des Führers nannten und denen sie erzählt hatten, sie sollten die entscheidenden Schlachten dieses Krieges schlagen.
Sie kamen aus einem Feldausbildungsbataillon und die Unteroffiziere, die mit ihnen kamen, nannten sie nur die Hühnchen. Ihre jungen flaumigen Gesichter waren mit einer Dreckkruste bedeckt und sie waren seit Georgijewsk hinter dem löcherigen Schirm der Front, die fast nur noch aus Jagdkommandos bestand, bis hierher geflüchtet. Dabei war über die Hälfte der Jungen irgendwohin verschwunden.
Mit den Hühnchen kämpften wir uns im Februar und März durch manches Dorf - fast alle hiessen ... kaja - zurück bis zum Kubanbrückenkopf. Durch Eis und Schnee, durch knietiefen Morast, durch Nächte voll Lärm und kaltes Schweigen. Als wir am 4. April gegen 3 Uhr früh die Brückenkopfendstellung erreichten, waren von den zwanzig oder dreissig Jungen, die in Korenowskaja zu uns gekommen waren, die meisten gefallen. Die Kompanie zählte mit den I-Karrenfahrern, dem Koch und dem Furier wieder vierundzwanzig Mann.
Viel, viel später, im Frühjahr 47, trafen wir hinten in Mittelasien, im Straflager Dschesgasgen, ein paar der Überlebenden aus Stalingrad. Sie erzählten, dass von den etwa 93.000, die bei Stalingrad in Gefangenschaft geraten waren, noch rund 5.000 am Leben seien. Die Hungermärsche in jenem Winter, sagten sie, und damals gab es ja auch keine Lager und der Russe wusste gar nicht wohin mit den Gefangenen.
Am Kuban hielten wir den ganzen Sommer hindurch, und es schien, als ob wir auch den Winter über da bleiben würden. Aber mehr und mehr verlagerte sich der Schwerpunkt der Kämpfe in den Mittelabschnitt und im frühen Herbst drückte der Russe die Front am Mius ein und in jener Zeit fiel Italien wieder einmal um.
Von Kertsch aus wurden wir in den Schlammassel bei Melitopol geflogen, und dort lagen wir an irgendeinem Bahnhof mit zwei Kasten Munition für jedes MG und hinter uns stand die Artillerie und hatte kaum was zum Schiessen.
Wir kamen nachts an jenen Bahnhof und versuchten bis zum Morgen in den Boden zu kommen, kamen aber nicht in die Erde, weil unsere Kochgeschirrdeckel keine Spaten waren und unser Schanzzeug lag unten in Kertsch. Vielleicht rollte es auch irgendwo, in einem Transportzug auf der Krim oder auf irgendeiner staubigen Rollbahn.
Im Morgengrauen kam dann der Russe. Panzerwelle um Panzerwelle, schmal und tief gestaffelt die Stoßkeile, und gegen Mittag hatte sich unsere Pak verschossen und abends war alles überrollt und zermalmt und zersprengt.
Was half es, dass im Wehrmachtsbericht noch eine ganze Woche von schweren Abwehrkämpfen zwischen Melitopol und Dnjepr oder in der nogaischen Steppe geredet wurde. Die Reste der zertrümmerten Divisionen hatten sich längst über den Dnjepr geflüchtet, die Krim war abgequetscht.
In Cherson sah man keinen deutschen Landser mehr. Es gab nur plündernde Russen in der Stadt, aus den Silos am Hafen floss das Getreide in den Strom, der Dnjeprwall existierte nur auf dem Papier. In Nikolajew aber drängten sich die Haufen reichlamettierter Goldfasanen der ukrainischen Verwaltung. Sie waren Hals über Kopf geflüchtet, als die ersten Granaten in der Stadt einschlugen. Ganze Schützenkompanien blieben verschollen und unser Artillerieregiment hatte nur zwei schwere Feldhaubitzen gerettet.
Als wir an einem der ersten Tage unten am Hafen um unseren Oberst standen, sah er wehmütig hinüber nach dem anderen Ufer, dann stromabwärts und den Strom hinauf und schüttelte nach einer Weile hoffnungslos den Kopf. Ja, sagte er, wären wir 41 lieber einmal da geblieben. Ich glaube, wir wären heute weiter. Und dann nach einer Weile: Aber wenn wir diese Linie nicht mehr halten können, dann ist wohl alles verloren.

Der Oberst wollte jeden noch einmal sehen

Wir waren damals noch ganze zwölf Mann in der Kompanie. Die anderen lagen drüben in der nogaischen Steppe oder trotteten gefangen nach Osten, irgendwohin. Und doch wollte keiner das glauben, was unser Oberst sagte. Wir fühlten und wussten, es war so, aber keiner wollte es zugeben, jeder hoffte, musste ja hoffen. Wie hätten wir sonst leben sollen?
In den ersten Februartagen 44 wurden wir darin plötzlich nach Norden, in den grossen Dnjeprbogen geworfen. Das Bataillon war schon wieder ein ganz ordentlicher Haufen. Wir hiessen Pilatus 1 und der Befehl kam so überraschend - wir sollten innerhalb von zwei Stunden schon rollen -, dass wir noch nicht einmal unsere Winterklamotten mitnehmen konnten.
Zur Bereinigung eines örtlichen Panzereinbruchs bei Apostolowo, hiess es, und der Funkspruch kam direkt aus dem Hauptquartier Kleists. Doch es dauerte die ganze Nacht, bis wir verladen wurden und in allen diesen Stunden war unser Oberst um uns. Um nach dem Rechten zu sehen, wie er sagte. In Wahrheit um jeden noch einmal zu sehen. Denn später erzählte uns der Adjutant, er habe nicht daran geglaubt irgendeinen von uns noch einmal wieder zu sehen. Er sah auch keinen wieder: als wir Ende Februar nach Cherson zurückkamen, war er gefallen.
Der örtliche Panzereinbruch bei Apostolowo war eine Frontlücke vom Brückenkopf Nikopol, wo Schörner hoffnungslos im Dreck festsass, bis nach Krivoirog, wo v. Schwerin mit einer Panzergruppe noch hielt oder halten sollte. Und kein Mensch wusste was eigentlich los war, als wir in Deutsch Krone, wo die Bahn zu Ende wir, nachts den Zug verliessen.
In Deutsch Krone stiess zu Pilatus 1 eine Heeres-Panzerjäger-Abteilung mit Hornissen - den 8.8 Pak Selbstfahrlafetten - eine Sturmgeschütz-Abteilung, eine Heeres-Artillerie-Abteilung und eine Panzergruppe. Und diese Kampfgruppe pokelte solange in dieser riesigen Frontlücke - es waren 140 bis 150 km - zwischen Nikopol und Krivoirog herum, bis endlich die aus dem Brückenkopf zu uns stiessen.
Und wie kamen sie heraus. Wir sahen Bataillone mit vierundzwanzig, mit neunzehn Mann, und dasjenige, welches am meisten gelitten hatte, sollte nur noch zwölf Mann zählen. 97. Jägerdivision, 3. GD., 24. PD und wie die Divisionen alle hiessen. Und sie erzählten, auf dem Brückenkopf sollten über 30.000 Fahrzeuge stehen geblieben sein. Nun, das Land zwischen Deutsch Krone und Mal Kostromotschka, wie das Dorf mit den paar armen Katen hiess, das unser nördlichster Verpflegungs- und Munitionsstützpunkt war und wo täglich die Ju 52 ihre Proviantbomben absetzten, war ja auch übersät mit zahllosen gepanzerten Fahrzeugen, die alle im grundlosen Modder stecken geblieben waren. Das ganze Land war eben nur noch ein einziger Sumpf.
Danach begann der Wettlauf zum oberen Ingulez und von da der zum Brückenkopf Nikolajew, der wie so manche Stellung auf höchsten Befehl für immer und ewig gehalten werden sollte.

Nun, im März und April 44 kämpften wir schon wieder die Strasse von Kischinew nach Jassy frei, und das war in Rumänien und auch da waren wir hingeflogen worden. Unmittelbar nach dem der Brückenkopf Nikolajew geräumt worden war.
Das was in Stalingrad Wochen und Monate gedauert hatte, der Kampf und Untergang einer Armee, hatte sich in Rumänien in Stunden und Tagen vollzogen. Die Armee, die in Stalingrad verblutet war, war die 6. und jene die in Rumänien verschwand, war die neue 6. Armee, die gleiche, die im grossen Dnieprbogen ausgeblutet worden war. Und hier in Rumänien kam mit der neuen 6. Armee noch etwa ein Drittel der 8. Armee um.
Heraus kam eine Handvoll Männer. Verschwunden blieben Hunderttausende. Während wir uns durch die Wälder schlichen, durch Flüsse schwammen und wateten, auf Stunden in Mais- und Sonnenblumenfeldern untertauchten, uns von jungem Mais, von Pflaumen und ätzend bitteren unreifen Trauben ernährten und unseren Durst in Pfützen löschten, wurden wir pausenlos gejagt. Bei Tag und bei Nacht. Zwischen Barlad und Sereth, zwischen Sereth und Trotus und durch die Karpathen. Und überall fanden wir russische Flugblätter, auf denen täglich andere Ziffern standen: 105.000 gezählte Gefangene, 156.000 gezählte Tote, 150.000 gezählte Gefangene, 180.000 gezählte Tote. Wie viel es wirklich waren, weiss wohl kein Mensch.
Und unterdessen sprang das, was sich Front nannte, diese aus weit zerstreuten, vereinzelten Widerstandsnestern bestehende Linie in Ungarn immer weiter zurück. Bis in den Winter irrten Landser als Hirten verkleidet, als Bauern vermummt in Rumänien hin und her. Die aber, welche in Gefangenschaft geraten waren, kamen bis auf wenige im Winter 1944 auf 1945 in den Todeslagern Tiraspol, Balti, Jassy, Foksani und wie sie sonst hiessen, um. Kälte, Hunger, Typhus, Ruhr, Dystrophie ...
In der Frühe des 9. September stiessen wir in Ungarn auf die deutsche Front. Es war bei Sepsi Szt. György. Die Front bestand aus zwei Gebirgsjägern, die ihre Zeltplanen ausschüttelten. Daran erkannten wir sie. Dreihundert Meter weiter rechts lag wieder ein Doppelposten und ein paar hundert Meter weiter links noch einer. Es waren Nachhuten, Männer der 4. GD unter dem Kommando des Hauptmanns Göttinger. Und von Cornesti bis nach Sepsi Szt. György waren es 400 oder 500 oder mehr Kilometer, die Haken, die wir geschlagen hatten, nicht einmal eingerechnet. Von denen vor Cornesti war auch kaum einer mehr dabei. Insgesamt kamen von unseren Divisionskampftruppen 128 zu den deutschen Linien nach Ungarn durch.

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Einhundertachtundzwanzig von etwa zehntausend.

Dies war Rumänien 1944 und es wurde in den Wehrmachtsberichten nicht einmal erwähnt.

Während wir durch Rumänien irrten, gingen Parolen um, im Westen habe die grosse Gegenoffensive begonnen, Paris sei bereits wieder in unserer Hand und die Amerikaner wären bis zum Meer zurückgetrieben. Und am Morgen des 9. September 1944 zeigte Hauptmann Göttinger auf seiner Wandkarte auf Metz und sagte, da irgendwo herum stehe die Front, wenn es überhaupt noch eine Westfront gäbe.
Im Januar 1945, als wir vor Zmigrod lagen, wussten auch wir, dass der Krieg verloren war! Wir konnten es nicht glauben und wir wollten es nicht glauben. Wir hatten es noch nicht durchlebt. Und wir hofften immer noch. Wir hießen damals Volksgrenadiere, was besagte, dass es keine deutsche Infanterie mehr gab. Die moderte in den endlosen Steppen Russlands, in Stalingrad, am Don, am Terek, am Wolchow, vor Leningrad, im grossen Dnjeprbogen, zwischen und Minsk und Moskau, in Rumänien. Und was nicht gefallen war, vegetierte und verkam in den russischen Lagern. Von den Alten lebte kaum noch einer.
Hatte es überhaupt noch einen Sinn? Gott, das fragten wir uns auch, und es schien ja auch keinen Sinn mehr zu haben. Aber wer, der in einer Sache steht, kennt den wirklichen Sinn dessen, was in ihm, vorgeht? Wer, der einer Suche verhaftet und verfallen ist, fragt auch gross nach deren Sinn? In hundert Jahren vielleicht, wenn die Geschichte unserer Tage tief unter den Blicken der Menschen liegt, mag man den Sinn unseres Weges erraten. Und nach tausend Jahren oder nach Tausenden von Jahren wird man wissen, warum es so war und warum es sein musste. Wir waren Soldaten und wir hatten nicht nach dem Sinn zu fragen. Wir standen einem unerbittlichen Feind gegenüber und hart in unserem Rücken lag das Land, in dem unsere Frauen und Kinder, unsere Mütter und Schwestern lebten. Das war uns Sinn genug. Mit jenen, die nur nach dem Zweck fragten, den eine Sache für sie selbst hatte, hatten wir nichts zu tun. Mochten sie sich für die Klugen halten. Zu manchen Zeiten ist der Kluge nur feig.
Rechts von uns lag der Dukla-Paß, links dehnte sich die Senke von Jaslo und am hellen Tage konnten wir in unserem Rücken am Horizont die Kumuluswolken über den Ölfeldern und Raffinerien von Grybow sehen.
Als Mitte Januar die deutschen Stellungen am Baranow-Brückenkopf eingedrückt wurden und die russische Springflut in unser Land einbrach, wurde auch bei uns die Front aufgerissen. In kleinen und grösseren Haufen, die nur noch lose Fühlung miteinander hatten, kämpften wir uns über Neu-Sandez, Alt-Sandez, Neumarkt, Chabowka zurück, hart am Rande der Beskiden bis nach Saybusch, das wir Mitte Februar erreichten.
Zu dieser Zeit stand der Russe schon an der Elbe und bereitete den letzten Sturm vor. Auf Berlin. Finnland hatte kapituliert, die italienische Front lag in den letzten Zuckungen, im Westen standen die Amerikaner und Engländer schon tief in unserem Land, und Nacht für Nacht, Tag für Tag dröhnten über den deutschen Städten die alliierten Kampfgeschwader und über die Strassen fegten die Jabos.
Unsere Kampfmannschaft bestand damals fast nur noch aus Männern des Zollgrenzschutzes, aus Polizisten und Hilfspolizisten und dem, was vom Volkssturm davongekommen war.
Als wir die Rollbahn von Sucha über Jelesnia nach Saybusch verteidigten - es war anfangs Februar 1945 und der Russe drängte mit weit überlegenen Infanterie- und Panzerverbänden scharf nach - kamen eines Nachts die vom Volkssturm. Sie stammten von der Bergschule Teschen und ihr Führer war der Direktor dieser Schule. Es waren einige zwanzig oder dreissig Mann, statt feldgrauer Uniformen trugen sie graumelierte Steppjacken und jeder hatte eine italienische MP dabei mit einem Magazin Munition. Noch keiner hatte einen russischen Panzer gesehen und nicht einer konnte mit der Panzerfaust umgehen. Allein, wir waren in jener Nacht vom 2. zum 3. Februar 1945 nur noch sieben Mann in diesem lausigen Dorf dicht südlich Lachowitz und dieser Volkssturm war alles, was unser Divisionär, General Kirschner, noch hatte. - Kirschner - K. L., komm Landser, nannten ihn die Landser - fiel später in Saybusch. - Der Volkssturm aber verschwand schon in der Frühe des 3. Februar beim ersten russischen Panzerangriff. Wir sahen die Männer kopflos aus den Löchern aufstehen und auf die Pleine rechts vom Dorf zulaufen, und dort erfasste sie das Feuer der russischen Maschinengewehre. Als wir in der einfallenden Nacht einen Gegenstoss versuchten, fanden wir noch zwei Überlebende.
Nach Saybusch fochten wir in der Slowakei, bei Sv. Mikulas, vor Tordosin, bei Terchowa und Bela, und die ganze Zeit kamen und gingen die Männer in der Kompanie, kamen und gingen, fielen und verschwanden. Von den meisten wusste man nicht einmal den Namen. Alarmbataillone, Ersatzhaufen, Zollgrenzschutz, Genesene, Volkssturm. Gesichter wie Masken. Jene aber, die durchkamen, schmolzen in ein paar Tagen in den Ring der Alten ein, wurden erfahrene Landser, von denen keiner mehr nach dem Warum fragte. Viele stammten aus Gegenden, die von den Russen schon besetzt waren, hatten keine Verbindung mit ihrer Heimat mehr, und in unsere Verbitterung darüber, dass alles so gekommen war und wie es der Russe trieb, mischten sich Trotz und Wut. Wir spielten kalten Herzens mit dem Tod Hasard und in jenen paar Monaten schon hatten wir fast mehr Verluste als in den ganzen Jahren zuvor.

Die Tage um den Waffenstillstand

Dann wurde der Brückenkopf Sillein geräumt und wir hetzten in langen Sprüngen nach Westen. Nachhut um Nachhut, Dorf um Dorf, Vel Bytca, Makov, Groß-Karlowitz, Rosenau, Wallach-Meseritsch und dann die letzte Nachhut in einem Dorf westlich davon. In der Nacht vom 7. zum 8. Mai 1945. Hitler war tot. Gefallen, hiess es, an der Spitze eines Bataillons. Niemand glaubte es, und wer war noch Hitler. Irgendein Name, ein Schatten so wie Himmler und Göring, Goebbels und wie sie alle hießen. In Italien hatten sie kapituliert, in Flensburg hatten sie sich unterworfen, über Berlin wehten Hammer und Sichel, die Amerikaner standen in Pilsen und vor Prag, in Reims bestanden die Alliierten auf unconditional surrender und die dort Deutschland vertraten, unterzeichneten. Uns aber hatte man gesagt, der Kampf an der Ostfront gehe weiter, zur Rettung Hunderttausender, Millionen Deutscher, zur Rettung der abendländischen Kultur. Die Linie Wischau-Prerau sei die Demarkationslinie zwischen Russen und Amerikanern, wer sie bis zum 8. Mai, 24 Uhr nachts, passiert habe, falle nicht in die Hände der Russen.
Wir überschritten die Linie im Laufe des 8. Mai 1945. Kein Amerikaner war da. Wir hetzten durch einen nur noch zwei Kilometer breiten Schlauch weiter nach Westen, immer weiter, und standen am Abend dieses Tages am Ausgang irgendeiner kleinen böhmischen Stadt. Sie hiess Konitz oder Kosteletz, was kümmerte uns der Name.
Immer noch wussten wir nichts von Waffenstillstand. Rechts in unserem Rücken brannte Ölmütz und pausenlos hallten wie den ganzen Tag über Sprengungen. Die Nachhut hatten in dieser Nacht Teile der 3. GD und der 97. Jägerdivision. Und wir sollten marschieren, pausenlos marschieren, einhundertfünfzig Kilometer marschieren bis zur Moldau, wo angeblich der Amerikaner auf uns wartete.
Es war eine finstere, schwere Nacht und wir standen auf der Strasse und warteten. Stunde um Stunde.
Mit Einbruch der Dunkelheit war der Kampflärm verstummt. In der sinkenden Nacht hatten russische Schlächter noch einen Angriff gegen die kleine Stadt in unserem Rücken geflogen, unsere Flak hatte geschossen, es hatte Tote und Verwundete gegeben und dann war es ruhig geworden. Als wir uns dem Ausgang der Stadt näherten, überholte uns ein Pulk gepanzerter Fahrzeuge. Aus den offenen Turmluken winkten Offiziere. Es hiess, die Panzer führen einen Einsatz zu unserer Flankensicherung und die Landser winkten zurück und gaben den Kampfwagen eine Gasse frei, damit sie rascher vorwärts kämen. Dann hatten wir den Ausgang des Städtchens erreicht und seitdem staken wir hier nun fest.
Die Strasse war verkeilt und verstopft, die Fahrzeuge standen in zwei, drei Reihen nebeneinander aufgefahren, auch ineinander verwirrt und kamen nicht mehr weiter. Unsere Pferdchen, kleine, schwache Panjepferdchen mit eingeknickten Knien, schliefen mit tief hängenden Köpfen. Die Landser hockten und lagen auf den Fahrzeugen, auch neben der Strasse und fast alle schliefen. Ab und zu warf ein Pferd den Kopf hoch, so dass das Zaumzeug klirrte, ab und zu scharrte ein Huf, ab und zu fluchte oder lachte einer, ab und zu rollte das Echo eines Abschusses über das Land. Niemand hörte hin.
Dann schoss links von uns leichte russische Flak rauschende Fächer, sprühende Kaskaden in die Nacht, rot, blau, grün, lila, orange, weiss, gelb. Nach einer Weile rückte die Kolonne an, knarzte ein paar hundert Meter weiter, stand wieder, bewegte sich, stand endgültig.
Um Mitternacht gab es einen wilden russischen Feuerzauber, wir hörten die grölenden, trunkenen Stimmen bis zu uns her. Sie sangen irgendwas. Dann tauchten neben der Strasse Landser auf, mit Gehprügel in den Fäusten, einige auf ungesattelten schweren Pferden reitend. Es waren die Nachhuten. Der Orlog ist aus, riefen sie zu uns herüber, wir gehen heim. Sie trampten vorbei.
Wieso kann der Krieg aus sein? rief einer hinterher. Wieso, wieso?
Später marschierten wir wieder, und gegen Morgen trafen wir unseren Regimentskommandanten. Der Krieg aus?, sagte er, wer behauptet das? Er wusste so wenig wie wir.
Wir marschierten den ganzen Tag hindurch. Über uns kreuzten ständig zwei russische Schlächter, verfolgten unseren Weg. Überall dröhnten Sprengungen, brannte Munition knatternd und zischend nieder. Gegen Abend rasteten wir kurz in irgendeinem Dorf. Unser Oberstleutnant fuhr weg zur Division, kam nach einer halben Stunde wieder. Der General ist nicht mehr da, sagte er, und wir sahen wie ihm die Tränen in den Augen standen. Ich habe keine Befehle mehr, sagte er, nichts mehr, es ist aus. Er lehnte eine Weile an einer Hütte und sah in den Himmel. Wir sahen, dass er etwas sagte, konnten ihn aber nicht verstehen. Die ganze Zeit über rannen ihm die Tränen, allein er schien es nicht zu bemerken. Nach einer Weile vernahmen wir dann seine Stimme. Sie klang gebrochen. Er sagte in einem fort in die Luft: Zwanzig Jahre war ich Soldat, zwanzig Jahre, zwanzig Jahre ...
Endlich zogen wir weiter. In der Nacht verlief sich der Rest des Regiments. In Wirklichkeit waren wir nur noch eine Kompanie. Die Trümmer tauchten unter in dem endlosen Strom der nach Westen treibenden Menschen, Tiere und Fahrzeuge, schwammen steuerlos mit. Durch verschlossene Dörfer, vorbei an Bergen von Munition und zerschlagenen Waffen, vorbei an Erschlagenen und Marschunfähigen, durch Wälder. aus denen es schoss, über Höhen und durch Täler, nach Westen, nach Westen ...
Am nächsten Tag fanden wir überall die Flugblätter des Marschalls Konjew, seit 8. 5. 24 Uhr Waffenstillstand . . . die deutschen Truppen bleiben, wo sie stehen . . nichts darf gesprengt und vernichtet werden ... jeder Widerstand wird mit allen militärischen Machtmitteln meiner Armeen zerschmettert . . . Wir lasen und lasen, aber es ging uns nicht ein. Es war unmöglich, wir waren doch eine Heeresgruppe. eine ganze Heeresgruppe, über 1.000.000 Mann. Aber es war so. Und Schörner war geflohen. In der Uniform eines Majors, hiess es. Mit einem Fieseler Storch, irgendwohin zu den Amerikanern.
Tabor? sagten die Tschechen. Ist längst der Russe. Er ist von Prag aus mit einer ganzen Panzerarmee die Moldau runter gestossen. Gebt nur die Waffen ab. Wer noch Waffen hat, ist Partisan. Euer Oberkommando hat euch befohlen, nicht mehr zu kämpfen.
Woijna kaputt, sangen die russischen Landser, fielen uns lallend um den Hals, fuchtelten mit Schnapsflaschen und Pistolen vor unseren Gesichtern herum. Damoi, riefen sie, alles damoi, sitschas damoi, woijna kaputt, „Guitler" kaputt.
Die Russen sind gut, sagte ein alter Mann in Deutschbrod. Ich bin auch ein Deutscher. Ihr kommt alle heim. Zuerst die Österreicher, dann die Bayern und zuletzt die Preussen. Aber ihr kommt alle heim.
Der Teufel ist nicht so schwarz, wie man ihn malt, sagte ein rumänischer Oberstleutnant im nächsten Dorf. Im ersten Krieg war ich bei den Österreichern, in diesem haben wir zunächst mit euch gekämpft und jetzt sind wir bei den Russen. Gehen Sie nicht weiter. Die Tschechen werden euch erschlagen, sie sind sehr schlimm die Tschechen, sehr, sehr schlimm. Haben Sie Geld, ich besorge Zivil, oder gehen Sie in Gefangenschaft. Ein Jahr, zwei Jahre, wer weiss. Aber gehen Sie nicht weiter, man wird Sie erschlagen wie Hund oder Katze.
Das Auffanglager Deutschbrod, und dann begann der Marsch nach Osten. Endlos der Weg, endlos die Kolonnen. Dahin, wo wir hergekommen waren. Und in jenen Tagen kämpfte immer noch die Waffen-SS in Prag ihren aussichtslosen Kampf. Diesen Männern, die unsere Kameraden in allen Tagen des Krieges waren, blieb nicht einmal der Weg nach Osten. Ihnen, den von aller Welt Verfemten, blieb nur noch der Tod. So oder so. Und so kämpften sie. Den letzten von ihnen begegneten wir in Asien. In den Achselhöhlen eingebrannt trugen sie das Mal, das sie von jedem Heimtransport ausschloss.