Eine weitere Informationsquelle ist das Militärarchiv an der Moskauer Admiral-Makarow-Straße. Dort lagern 27.000 Bände mit Tagesmeldungen von 160 sogenannten NKWD-Begleitregimentern. Sie enthalten neben Skizzen eine genaue Beschreibung aller Vorkommnisse während der oft weiten “Reise” deutscher Kriegsgefangener.
Beim Blättern in den dickleibigen Bänden macht man überraschende Funde. Eine präzise gezeichnete Skizze beispielsweise zeigt den Grundriss einer russischen Stadt samt einer Kolonne deutscher Kriegsgefangener genau zu dem Zeitpunkt, als zwei von ihnen einen Fluchtversuch wagten. Blaue Punkte markieren die Deutschen, rote die begleitenden Sowjetsoldaten. Der Fluchtweg der Ausreißer und ihrer Verfolger ist farblich entsprechend verzeichnet, der Ort der Wiederergreifung säuberlich markiert. Die Unterlagen geben zudem Auskunft über die an den jeweiligen Transporttagen verstorbenen Gefangenen.
Neben den genauen Personalangaben sind Sterbedatum und Todesort bzw. der zum Todeszeitpunkt durchfahrene Bezirk notiert. Ausserdem ist die Bahnstation vermerkt, an der der Verstorbene ausgeladen wurde. Jahrzehntelang war nicht bekannt, mit welcher Genauigkeit die zuständigen Behörden solche Abläufe und Ereignisse dokumentierten. Bislang glaubte man immer, dass Transportverstorbene anonym neben dem Bahndamm verscharrt wurden, ein Bild, das auf Berichte überlebender Gefangener zurückging.
Für die Aufklärung des Schicksals von Verschollenen ist es nun unerlässlich, diesen Bestand komplett zu sichten und die Namen aller betroffenen Deutschen herauszufiltern. Bei etwa 10 Millionen Blättern erfordert das mehrere Jahre Arbeit. Durch die Auswertung dieser Quellen können voraussichtlich weitere 10.000 Verschollenenschicksale geklärt werden.
Bisher hat der Suchdienst bereits 5.500 Namen erhalten.